"Ich weiss, dass ich nichts weiss – und kaum das." sagte Sokrates bereits vor 2500 Jahren. Wenn man sich nun all die Informationen und tollen Dinge vorstellt, die wir heut zu Tage haben, dann sollte man meinen, dass wir sehr viel mehr wissen als die Griechen vor so langer Zeit.
Ich möchte an dieser Stelle nicht die philosophische Frage des Wissens an sich ergründen. Je nach dem welcher Argumentation man hier folgen würde, würde am Ende nicht viel Wissen übrig bleiben. Ich möchte eher eine etwas weitere - vielleicht "umgangssprachliche" Definition von Wissen betrachten. In dem Kontext dieses Textes soll Wissen die schwammige Bedeutung "Dinge, die wir uns vorstellen über die Funktionsweise der Welt" bekommen. Das ist deswegen schwammig, weil - wie sich zeigen wird - auch hier weniger enthalten sein wird als wir ursprünglich denken. Aber ich greife vor. Folgende Beispiele fallen in diese Definition: "Wenn ich - ohne Regenkleidung - in den Regen laufe, werde ich nass.", "Wenn ich ein Ei brate, wird es ein Spiegelei". Folgende nicht: "Wenn ich weniger Fett esse, nehme ich ab" (Es gibt Menschen, die weniger Fett essen und zu nehmen), "Wenn ich hart arbeite, werde ich reich" (Es gibt vermutlich mehr Menschen, die hart arbeiten und nicht reich werden).
Die Beispiele habe ich bewusst als "Ursache - Wirkung - Paare" beschrieben. So wenden wir Wissen im Leben praktisch an. Fast all unser Handeln basiert auf solchem Wissen. Das Problem ist nur, dass viele Annahmen davon falsch sind oder nur in bestimmten Situationen stimmen. Und leider verallgemeinern wir sehr viel, so dass die Nuancen verloren gehen.
Viele Annahmen stimmen in manchen Fällen, aber in deutlich weniger Fällen, als wir es denken. Manchmal betrachten wir einfach nur einen Teil der Situation und ziehen verallgemeinerte Schlüsse, die wir dann als Handlungsgrundlage verwerden: "Günther hat im Kasino gezockt und ist reich geworden - Ich kann das auch!". Was hier vergessen wird, sind die anderen Tausend Leute, die auch gezockt und NICHT reich geworden sind. Das Problem hierbei ist, dass die Fälle in denen etwas funktioniert deutlich präsenter sind, als die in denen etwas nicht funktioniert (Nicht reich werden durch zocken).
Ein weiteres Problem ist die Verwechslung von Ursache und Wirkung. "Linda ist eine super Führungskraft, deswegen ist Ihre Firma so erfolgreich". Hört sich erstmal super an. Aber vermutlich wird Linda vor allem als super Führungskraft wahrgenommen WEIL ihre Firma erfolgreich ist. Es gibt gerade bei diesem Thema sehr viele Beispiele die belegen (siehe Der Halo-Effekt), dass Linda als "miserable Chefin" bezeichnet werden würde, sobald es der Firma auf einmal schlecht geht - unabhängig davon, was die gleiche Linda nun getan hat.
Das dritte Problem im Bunde geht noch etwas weiter: Das Induktionsproblem. Wenn ich sechs Monate lang jeweils 10 neue Kunden akquiriert habe, heißt dass nicht, dass ich das in den nächsten sechs Monaten auch schaffen werde. Selbst wenn ich - mehrfach experimentell - nachgewiesen habe, dass eine Maßnahme X zu Ergebnis Y führt, kann ich nicht sagen, dass dies immer so ist. Selbst in der Physik, wo man von Naturgesetzen spricht, und man sehr viel "nachweisen" kann, erlaubt sich seit einem Jahrhundert niemand mehr, absolute "Gesetze" zu formulieren. Alles darf - und soll - angezweifelt werden.
Nun gut. Vieles ist also anders als es schient. Was bedeutet das nun für unser tägliches Leben. Warum schreibe ich diesen Text? Ich denke wir - also wir "moderne Menschen" - haben ein grundlegendes Wissensproblem: Wir denken, dass wir mehr wissen als wir es wirklich tun und wir sind uns unseres Wissens zu sicher. Das führt zu vielen Problemen und Konflikten.
Viele Politiker, (Wirtschafts-)wissenschaftler, Chefs oder Arbeitskollegen sind sich ihres "Wissens" so sicher, dass sie es als Beleidigung ansehen, wenn es kritisch hinterfragt wird. Aber genau das ist nötig (und der Meinung von Sir Karl Popper nach die einzige Möglichkeit), um MEHR Wissen zu erlangen. Nur wenn wir wissen, was NICHT stimmt, können wir besser handeln. Die Kritik dient also der Wissensfindung. Wer Kritik an seinen Ideen ablehnt, verteidigt sein Wissen nicht, er verkleinert es.
Was bringt mir das, wenn all das mehr oder minder gültige Wissen gar nicht sicher ist? Um im täglichen Leben handeln zu können, müssen wir viele der "Fehler" oder Verallgemeinerungen, die oben beschrieben wurden, machen, da wir sonst überhaupt nicht weiter kämen. Es ist jedoch wichtig, sich im Klaren zu sein, dass man eben in seinen Annahmen Fehler machen kann. Die Fehler zu kennen und bestenfalls vor den Entscheidungen zu berücksichtigen kann helfen Überraschungen und Fehlentscheidungen zu vermeiden. Falls man die Probleme zu spät merkt, kann man sie zumindest verstehen.
Das nächste mal, wenn jemand "In 17 Schritten zum sicheren Gewinn" oder "In 3 Wochen sicher 10kg abnehmen" proklamiert, heißt das nicht, dass man die Schritte nicht ausprobieren kann. Man kann sich jedoch fragen, wie die Person zu diesen Schritten gekommen ist. Wie viele Leute haben das System probiert? Wurden nur die "Gewinner" untersucht oder auch die Leute bei denen es nicht funktioniert hat. Wenn sie nicht funktionieren, war es vielleicht nicht der Fehler des Systems und vielleicht auch nicht des Ausführenden. Das Problem lag einzig in der Beschreibung: "sicher".
Was auch wunderbar funktioniert: Negativ-Entscheidungen mit unsicherem Wissen: Jemand sagt mir, dass ein Gericht im Restaurant nicht schmeckt. Weiß ich, das es so ist? Nein. Brauche ich "Beweise"? Nein. Ich bestelle einfach ein anderes Gericht. Etwas nicht zu tun basierend auf unsicherem Wissen ist meist sehr einfach und weitaus ungefährlicher als Dinge aufgrund von unsicherem Wissen zu tun.
Notiz: Das ist ein schwieriges und umfangreiches Thema... ich hoffe, der Hauptpunkt kam durch. Vielleicht schreib ich das hier noch mal um.